"2000 Jahre römische Okkupation Germaniens"

 

Die „zweite Varusschlacht“:

Die Katastrophe der Römer im Münsterland sechs Jahre später

Wo lag die Schlacht an den Langen Brücken? Diese Schlacht hätte den Germanen sechs Jahre nach dem Sieg im Teutoburger Wald beinahe den vollständigen Triumph gebracht, denn sie waren drauf und dran, nicht, wie bei Varus nur drei, sondern sogar weitere vier Legionen aufzureiben. Nur eine Abstimmung im basisdemokratisch verfassten Heer rettete die Römer, denn entgegen dem Ratschlag des Arminius, der warten wollte, bis die Römer wieder herausmarschieren würden und aus dem Hinterhalt angegriffen werden könnten, stürmten die Germanen das römische Lager, erlitten eine Rückschlag und mussten zusehen, wie es die Reste der schwer angeschlagenen Legionen bis zum Rhein schafften.

Der Hintergrund

Juni/Juli, 15 n.Chr.: Germanicus bricht mit seinem Heer von den beiden in den Jahren nach der Varusniederlage wiederbesetzten Bereichen aus ins freie Germanien ein: Er selbst führt 4 Legionen mit Schiffen über Nordsee und Ems, vielleicht nach Rheine, der erfahrenen General Cäcina führt weitere 4 Legionen überland durchs Münsterland. Nach Verheerung des Bruktererlandes (Münsterland) besuchen die Römer das Schlachtfeld n Kalkriese und bestatten die Knochen von Varus’ Soldaten. Dann greifen sie die Germanen unter Arminius an, sie wollen die Cherusker vernichten – doch sie erleiden eine herbe Niederlage, wohl irgendwo östlich von Melle, die ganze Reiterei ist wohl vernichtet. Als Konsequenz geben sie den Feldzug auf und machen sich auf den Rückweg, so, wie sie gekommen sind. Germanicus’ Truppe erleidet auf der Nordsee schwere Verluste in einem Sturm, Cäcinas trift auf Arminius’ Germanen in der Schlacht an den Langen Brücken – irgendwo im Münsterland. Aber wo?

Die Örtlichkeit

Die Landschaft, die Tacitus beschreibt, ist so außergewöhnlich, dass man sie tatsächlich mit einiger Wahrscheinlichkeit orten kann: Sie liegt wohl bei Dülmen, nördlich von Haltern, am Südrand des Münsterlandes. Der römische Gouverneur Ahenobarbus hatte, etwa 4 v.Chr. in Haltern ein großes Lager gegründet, das später wohl zur Stadt ausgebaut wurde; wahrscheinlich war dies „Aliso“, der letzte Stützpunkt, den die Römer noch einige Wochen lang nach der Varusniederlage halten konnten.

Um die Wasserwege Lippe und Ems zu verbinden liegt Haltern/Aliso besonders günstig – an einer Biegung der Lippe nach Norden, die der Ems am nächsten kommt. Allerdings kreuzt dieser Weg 10 km weiter, bei Dülmen, einen 3-4-km-breiten, unumgänglichen Sumpf. Trifft diese Vermutung zu, so mussten die Römer unter Ahenobarbus eine „Lange Brücke“ d.h., einen Bohlenweg, anlegen und 20 Jahre später, unter Cäcina, ihn instand setzen. Auf den Höhen saßen dann, wie Tacitus berichtet, Germanen, die dann die schuftenden Legionäre angriffen.

Die Schlacht

Die Germanen setzten den Römern den ganzen Tag lang schwer zu und stauten dann den Heubach, wie er heute heißt, an, um ihn dann als riesige Welle hinunterdonnern zu lassen, wodurch der neue Bohlenweg in der Nacht wieder weggefegt wurde. Cäcina entschied sich nach diesem katastrophalen Tag, das Bauprojekt fallenzulassen und wollte nur noch seine angeschlagene Truppe retten. Er marschierte also am nächsten Tag nach westen. Im Merfelder Bruch standen seine Truppen, wie am Vortag, tief im Schlamm, als die Germanen angriffen und „zum zweiten Mal den Varus seinem Schicksal“ zuführen wollten – wie es Arminius seinen Kämpfern zurief. Nur mühsam konnten sich die verzweifelten Überlebenden gegen Abend aufs trockene Gelände beim heutigen Reken hinausretten.

Am nächsten Morgen griffen nach der erwähnten kühnen Entscheidung der Heeresversammlung die Germanen das Lager an und wurden unter schweren Verlusten zurückgeworfen. Die Reste der römischen Armee konnten sich dann bis zum Abend, von jedem hinderlichem Gepäck befreit, über einen etwa 50 km langen Marschweg bis zum Lager in Xanten-Birten („Vetera“) retten.

Die Wachen an den Brücken hätte sie dann doch ihrem Schicksal überliefert, indem sie, da sie einen germanischen Ansturm fürchteten, die Brücke beinahe abgebrochen hätte. Nur Agrippa, die Frau des römischen Feldherrn Germanicus, konnte sie daran hindern, sie stand auf der Brücke und begrüßte die Überlebenden.
Es muß in etwa der 2. oder 3. September 15 n.Chr. gewesen sein.


Die Lange-Brücken-Schlacht:

Die „Brücken“ waren nicht so lang – aber auch nicht ganz kurz –

Und daher können wir erraten, wo sie lagen

Die herkömmliche Deutung des tac. Berichtes über die Lange-Brücken-Schlacht geht davon aus, dass die Cäcina-Legionen den selben Weg von Xanten zum Treffpunkt an der Ems (Rheine?) hin wie auch zurück durchschritten und dass dieser – nach der Beschreibung des Rückweges – ein Bohlenweg war, den Ahenobarbus angelegt hatte. Die Deutung der Passage xx ist: Germanicus befahl den Cäcina diesen Weg, der ein Bohlenweg sei, so schnell wie möglich zu passieren, obwohl (lat: quamquam) es ein bekannter Weg sei. Warum der implizierte Gegensatz? Den gibt es nur, wenn Germanicus in etwa sagen wollte: „Bring dich schnell in Sicherheit, denn der gefährliche Arminius ist dir auf den Fersen.“ Die alternative Deutung geht von einer Trennung der beiden Armeehälften östlich der Ems aus, was angesichts des Tac. Textes zwar problematisch ist, aber dennoch Anhänger findet um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass es in Kalkriese ganz offensichtlich ein großes Kampfgeschehen während des germanischen Befreiungskrieges von 9-16 n.Chr. gab. Wer also unbedingt die Varusschlacht woanders haben möchte, ist gezwungen, irgendeine andere Schlacht nach Kalkriese zu verlegen und die Lange-Brücken-Schlacht ist die einzige, die halbwegs „verfügbar“ ist. Daher ist eine kleine Legende in der anti-Kalkriese-Szenen entstanden, wonach die Beschreibung der entsprechenden Landschaft durch Tacitus wie die Faust aufs Auge auf Kalkriese passe.

Nur eine flüchtige Lektüre straft dieser Auffassung Lüge, eine eingehend umso deutlicher. Als erstes sieht jeder, der sehen will, dass im tac. Bericht von einem großen Feuchtgebiet mit sanft sich erhebenden bewaldeten Anhöhen „ringsrum“ (!) die Rede ist. Der Kalkrieser Berg erhebt sich natürlich nur an einer Seite einer wie auch immer gearteten Landschaft und gegenüber ist kein Berg, sondern nur Sumpf und Moor, bis zu den am Horizont gerade noch (vom Museumsdach aus!) sichtbaren Dammer Bergen. Außerdem ist der Kalkrieser Berg rund, d.h., seine Flanken biegen sich um den eigenen Gipfel und nicht um eine umliegende Landschaft herum. Aber schauen wir uns einmal die beschriebene Landschaft an:

Ø      Es ist ein Feuchtgebiet, das von einem Fließgewässer durchströmt wird, ein Sumpf also (wie es Tacitus sagte, d.h., kein Moor), auch die von den Germanen veranstaltete Flutung des Bauwerks legt dies nahe, denn eine solche Maßnahme wäre nur als Anstauung eines Fließgewässers gefolgt von einem plötzlichen Bruch dieses Damms denkbar. Das Fließgewässer muß also mehr als nur ein kleiner Rinnsal gewesen sein, er führte beträchtlich viel Wasser.

Ø      Das Feuchtgebiet war so groß, dass die Überbrückungsarbeit mehrere Tausend Arbeiter verlangte, deren Bewachung durch mindestens 10.000 Kameraden notwendig war und diese, wie es sich zeigte, sogar überforderte, der Weg betrug also einige Kilometer.

Ø      Das Feuchtgebiet war von Hügeln oder Höhen, die damals bewaldet waren, auf mindestens 2 gegenüberliegenden Seiten begrenzt.

Ø      Von diesem Bereich aus erstreckte sich ein Hangsandstreifen zwischen Feuchtgebiet und bewaldeter Höher nach Westen bzw. Südwesten, wobei sich das Feuchtgebiet aber auch weiter westlich fortsetzte, dort, wo auch das Kampfgeschehen des 2. Tages stattfand.

Ø      In der weiteren Umgebung gab es ein Moorgebiet.

Ø      Es war ein Gebiet, das die Römer aus strategischen Gründen unbedingt erschließen wollten, sowohl bei der ursprünglichen Eroberung als auch bei der nun beabsichtigten Wiedereroberung.

Um schnell mit der anti-Kalkriese-Theorie abzuschließen: Nur der zweit- und der drittletzte Punkt (Hangsandstreifen bzw. Moor) passen gut zu Kalkriese – aber genauso gut zu vielen anderen Orten in Westfalen und Südniedersachsen. Theoretisch erstreckt sich zwar, wie vom zweiten Punkt verlangt, nördlich von Kalkriese ein größeres Feuchtgebiet, über das man einen Bohlenweg hätte bauen können und dass dann auch einiges an Aufwand gekostet hätte, es hätte aber für die Römer nicht den geringsten denkbaren Anlass gegeben, es zu tun – schon gar nicht, wenn es darum gegangen wäre, halbwegs rasch aus dem freien Germanien zu verschwinden, denn so hätte man sich nur tiefer in unbekanntes Gebiet begeben (die Verfechter dieser These gehen auch i.d.R. nicht davon aus, dass dies der Fall war, sondern lassen kleinere Feuchtstellen nordwestlich des Kalkrieser Berges als Anlässe von „Bohlenwege“ herhalten). Auch hätte es dort keinen von Ahenobarbus 20 Jahre früher angelegten Weg geben können. Letztlich passen die anderen 3 Punkte überhaupt nicht zu Kalkriese: Der Bohlenweg hätte nicht von den Bächen des Kalkrieser Berges weggespült werden können, die auch keinen ausgedehnten Sumpf speisen; es gibt, wie schon erwähnt, nur auf einer Seite eine Anhöhe; und letztlich hätte der instandgesetzte Weg – welcher auch immer – für den weiteren Verlauf des Krieges nicht besonders nützlich sein können. Auch ansonsten kann man an hand der strategischen Situation der Germanicus/Cäcina Armee kaum von einer Örtlichkeit dieser Schlacht in Kalkriese ausgehen.

Ist dieses konstruierte Szenario also vom Tisch, so fassen wir die allgemein bevorzugte Alternative ins Auge, nämlich die eines Marsches der Cäcina-Legionen durchs westliche Münsterland, nach einer Trennung der Germanicus- und Cäcina Armeehälften an der Ems. Eingangs wird auf den von Tacitus überlieferten Befehl des Germanicus an Cäcina verwiesen, er möge die Langen Brücken schnell „superare“ – also entweder „überqueren“ oder „überwinden“. Dazu muß man zu Bohlenwege etwas sagen:

Bohlenwege sind extrem kurzlebig. Man legt Holzbohlen auf den nassen Boden eines Feuchtgebietes, wo sie von unten direkt dem Wasser, von oben dem atmosphärischen Sauerstoff voll ausgesetzt sind und wo jede nur denkbare Art von Lebewesen, das gern organisches Material zersetzt, in Fülle vorhanden ist. Vermutlich muß man sie jährlich erneuern, oder sie sind nutzlos. Der am Kalkrieser Museum in einem kleinen Feuchtgebiet angelegte kurze Bohlenweg ist bereits in einem Zustand, der für Gäste eigentlich nicht mehr zumutbar ist und der mit Sicherheit keinen Durchmarsch einer Legion überleben würde. Wege durch Sumpfgebiete sind mit Sicherheit spurlos verschwunden, nur in Mooren, wo das Holz ins anärobische Bereich absinken kann, findet man diese Stücke u.U. heute noch.

Es ist nicht denkbar, dass es sich beim 100-km-langen Weg von Rheine bis Xanten – der Weg, der bei diesem Feldzug i.d.R. für Cäcina angenommen wird – um einen Bohlenweg gehandelt haben kann. Das westliche Münsterland war (und ist teilweise noch) ein sandiges Gebiet mit vielen tiefer gelegenen Feuchtgebieten und ebenso vielen geringfügig höher gelegenen bewaldeten Bereichen. Es gab uralte Handelswege durch dieses Gebiet, die Ahenobarbus nicht hätte anlegen müssen – allerdings sind diese nicht mit Sicherheit archäologisch erfasst, da man Wege meist nur bis ins Mittelalter zurückdatieren kann. Andererseits kennt die westfälische Archäologie keine Bohlenwege aus dem Bereich, der uns interessiert und man vermutet auf diesem sandigen Boden auch keine. Beim „normalen“, bereits vor der römischen Okkupation existierenden Weg von der Lippemündung zur Ems muß es sich um einen Weg handeln, der v.a. auf Hangsandstreifen oder höher liegende trockenen Bereiche nutzte. Kleine Brücken oder auch kurze Bohlenwege wird es dabei gegeben haben, aber um diese „Alltagsprobleme“ von römischen Pionieren kann es sich bei dieser Schlacht nicht gehandelt haben.

Es gibt darüber hinaus keinen Hinweis darauf, das Cäcina auf dem Hinweg in größerem Umfang Bohlenwege repariert oder auch nur genutzt hätte – und hätte er sie genutzt, so hätte er sie mit Sicherheit erst mal instand setzen müssen – sondern die Beschreibung legt nahe, dass er erst auf dem Rückweg mit diesem Problem konfrontiert war. D.h., dass er wohl eine Abweichung von diesem Hinweg unternahm. Nichts deutet im Übrigen ausdrücklich darauf hin, das Germanicus ihn befohlen hätte, nach Xanten/Vetera zu ziehen, sein Marschziel hätte also auch Haltern/Aliso sein können, wobei er dann nur im nördlichen Bereich den gleichen Weg, wie auf dem Hinweg, zurückgelegt hätte.

Cäcina sollte also den Bohlenweg „schnell überwinden“. Warum „schnell“? Germanicus wird kaum befürchtet haben, dass die germanische Streitmacht tatsächlich einer römischen Armee aus vier Legionen, die auf den Rhein zu marschierte und sich in guter Kampfordnung fortbewegte, so gefährlich werden könnte, dass man Kopf-über-Fuß vor ihr flüchten müsse. Hätte er diese Befürchtung gehabt, so hätte er seine Armee sicherlich nicht geteilt – zumal er selbst dann auch nur eine etwa ähnlich große Streitmacht hatte und sich selbst in die gleiche Gefahr begeben hätte, denn er konnte ja nicht wissen, welche Armeehälfte die Germanen angreifen würden!

Wäre dies Sinn des Befehls gewesen, so hat sich Cäcina hat ganz offensichtlich nicht daran gehalten, denn er hat, statt sich schnellstens aus dem Staub zu machen, einen Lager aufgemacht und ein größeres Bauprojekt begonnen – und zwar nicht um bloß selbst voranzukommen, denn es gab auch einen anderen Weg weg von diesem Schauplatz, nämlich den trockenen Geländestreifen, den er dann auch tatsächlich zur Flucht nutzte, nachdem die Germanen den Bau des Bohlenweges vereitelt hatten. Der Duktus des Textes legt vielmehr nahe, dass das, was er dann tat, die den Bedingungen angepasste Durchführung des erteilten Befehles darstellte. Er ist dann auch nicht über den Bohlenweg entkommen, sondern zunächst auf passierbarem Gelände, dann wieder durch ein sumpfiges Gebiet und dann wieder auf trockenem Gelände (Bau des letzten Lagers).

Letztlich muß der Bohlenweg nicht nur aufwendig zu bauen gewesen sein, sondern er muß auch notwendig gewesen sein, d.h., trotz des hohen Aufwandes kann es keine Alternative zu diesem schwierigen und gefährlichen Unterfangen gegeben haben.

Wir suchen also eine Landschaft wie oben beschrieben, aber im westlichen Münsterland. Es muß in den wenigen dortigen Berglandschaften liegen, d.h. entweder in den Baumbergen zwischen Steinfurt und Coesfeld, oder aber im Waldgebiet südlich von Coesfeld, nördlich der Lippe. In beiden Bereichen gibt es Gebiete, die dreiseitig von Höhen umgeben sind, nämlich im ersten Bereich das Gebiet an der Vechtequelle, wo jetzt das Dorf Eggerode steht und im zweiten das Merfelder Bruch und den Feuchtgebieten an Heu- und Firnsbach, die von der Hohen Mark und den Höhen, wo etwa heute die Stadt Dülmen liegt, umgeben sind.

Legt man die o.g. Kriterien zu Grunde, so scheidet auch Eggerode aus. Es gibt, falls das von Höhen umschlossene Gebiet an der Vechte-Quelle tatsächlich ein Sumpf gewesen sein sollte, nicht den geringsten Grund, es mit einem aufwendigen Bohlenweg zu überqueren, sondern man hätte ganz einfach auf den genannten Höhenzügen passieren können. Anders ist das im Merfelder Bruch.

Hier muss man auf die römische Lager- bzw. Stadtgründung in Haltern(/Aliso?) näher betrachten. Es wurde in den letzten Jahren vor der Zeitenwende angelegt, also in der Zeit des Ahenobarbus, der auch als Erbauer des Bohlenweges genannt wird. Haltern hatte eine ganz überragend gute strategische Lage. Es liegt an der Lippe, sowohl vor Feinden als auch vor Hochwasser gut geschützt von bewaldeten Höhen umgeben, wie die Tatsache zeigt, dass es 9/10 und wieder 15/16 lange germanische Belagerungen standhielt. Hier konnte man durch die Wälder beidseits der Lippe eine Straße bauen, auf der man trockenen Fußes marschieren könnte. Hier biegt sich die Lippe so, dass von hier aus der kürzeste Weg zur Ems verläuft. Da die Römer v.a. auf Wasserstraßen angewiesen waren, waren möglichst kurze Zwischenstraßen zwischen Flussläufen wichtig.

Wenn also Ahenobarbus in den letzten Jahren vor der Zeitenwende Haltern/Aliso anlegte, dann wäre ein Straßenbau nach Norden eine logische „Begleiterscheinung“ der Aliso-Gründung gewesen. Der beste Weg nach Norden von Haltern aus, der ohne zuviel Bergsteigen zu bewältigen wäre, verläuft entweder nach Lavesum oder – viel besser – nach Sythen, letztere Straße heißt noch heute „Hellweg“. Logisch scheint es auch daher, einen Endpunkt dieser Verbindung an dem Punkt der Ems zu suchen, der wiederum den nächsten zur Lippe darstellt – im Münsteraner Raum also. Dies bedeutet allerdings nicht, dass der Treff- und Abmarschpunkt von Germanicus Streitkräften dort lag, er kann durchaus in Rheine gewesen sein.

Der einzige Nachteil wäre gewesen, dass die Hohe Mark von den Wegen des Münsterlandes getrennt wird durch den Verlauf des Heubaches und anderer, parallellaufender Fließgewässer. Diese bildeten eine Sumpflandschaft zwischen der Hohen Mark und der Höhen, wo etwa heute die Stadt Dülmen liegt – das bereits erwähnte Feuchtgebiet, dessen westlicher Teil heute „Merfelder Bruch“ heißt. Im 20. Jht. Ist dieser Sumpf einer Reihe von Fischteichen gewichen. Der Heubach fließt in Ost-West-Richtung zwischen diesen Höhen und biegt dann hinter Sythen scharf nach rechts/Süden ab, um dann bei Haltern (Aliso?) in die Stever zu münden, die sogleich in die Lippe fließt. Jenseits dieser Biegung liegt ein weiterer Höhenzug, die Borkener Berge, zu dessen Füßen die Stever von Osten her heranfließt, heute wird sie allerdings unterwegs zum See gestaut, den Haltern zum Ortsnamensbestandteil gemacht hat. Wegen der Höhen, die das gesamte Nordufer der Lippe säumen, fließen in diesem Teil Westfalens nur wenige größere Fließgewässer in die Lippe. Der Zufluß bei Haltern nimmt daher das Wasser eines riesigen Gebietes auf – fast alles innerhalb der heutigen Bahnlinien Werne-Münster-Billerberg-Dorsten. D.h., das nasse Flachland nördlich von Haltern hatte für die Römer eine ganz andere Qualität als die kleineren Feuchtgebiete, mit denen sie es im Münsterland sonst zu tun hatten: Hier war, anders als im restlichen Gebiet mit seinen vielen kleinen Gewässern, ein großes Feuchtgebiet, das Haltern unumgänglich vom Münsterland trennte. Dies nahm Ahenobarbus aber wohl als Notwendigkeit in Kauf, um an dieser guten Stelle diese Festung zu bauen, denn die Stever fließt etwa 15 km lang parallel zur Lippe und wird damals eine breite und feuchte Auenlandschaft gebildet haben, die noch ungünstiger gewesen wäre, als die Überquerung des einen Sumpfgebietes bei Dülmen, der etwa 3-4 km betragen haben wird.

Auch der strategische Rahmen des Feldzuges muss bedacht werden. Germanicus hatte, nachdem er (bzw. sein Vorgänger Tiberius) im Ruhrgebiet und bis zur Lippe die römische Position wiederhergestellt hatte und auch die Bataver und die Küstenstämme bis zur Elbmündung zu Verbündete gemacht hatte, im Sommer 15 (also nach dem Hessenfeldzug und der Thusnelda-Festnahme) einen Feldzug unternommen, bei dem er zunächst einmal diese beiden Bereiche miteinander verbunden hatte – v.a. dadurch, dass er Cäcina überland durchs Münsterland marschieren ließ. Dann verwüstete er das östliche Münsterland und brach mit der Bestattungsaktion und dem darauf folgenden Vormarsch ins westliche Weserbergland – ins geographisch gut geschützte Cheruskerland – hinein. Bis jetzt, etwa Mitte August 15 n.Chr., muß alles nach Plan verlaufen sein, die Römer hätten zuversichtlich sein können, das durchstreifte Gebiet im Griff zu haben und das cheruskische Kernland in Kürze unterwerfen zu können. Dann kam die Schlacht am Moor („Barenau“, aber sicherlich nicht dort, sondern wahrscheinlich irgendwo an der Else östlich von Melle), die Tacitus als unentschieden darstellt, die aber tatsächlich wohl eine herbe Niederlage für Germanicus gewesen sein muss, denn er musste, seiner Reiterei und des Gros seiner Hilfstruppen beraubt, schnellsten das Cheruskerland räumen. Im Lichte des Gesamtzusammenhangs änderte sich hiermit der Verlauf des Feldzuges grundsätzlich, die bislang siegreichen Römer ergriffen, wenn auch immer noch geordnet, die Flucht.

Mindestens eins muß Germanicus aber dennoch retten gewollt haben, nämlich die errungene Hoheit über das Gebiet, das die in den Jahren 10-14 ausgebauten Hoheitsbereiche verband, d.h., das westliche Münsterland und die heute als „die Grafschaft“ bekannte niederländische Landschaft.So hätte er vor seinen Onkel mit einem „Achtungserfolg“ treten können: Die Grenze des Reiches hin zum „freien Germanien“ sei nun nicht länger der Rhein, die Ijssel und die untere Ems, mit einem Brückenkopf zwischen Lippe und Ruhr, sondern eine direkte Linie von der Emsmündung über Rheine, Münster, Haltern und Dortmund bis Köln. Von dieser zusammenhängenden Frontlinie aus ließe sich Germanien dann im nächsten Jahr aufrollen. Man kann also davon ausgehen, dass der Befehl an Cäcina sogar lautete: nicht nur den Bohlenweges über den Sumpf am Heubach zu erneuern, sondern den Weg zwischen Aliso und der Ems insgesamt zu sichern.

Also kommt Cäcina – ob von Münster oder von Rheine aus – im Raum Dülmen an. Anders als Kalkriese passt diese Landschaft tatsächlich bis ins Detail zur tac. Beschreibung. Bereits dargestellt ist die Notwendigkeit eines Bohlenweges größeren Ausmaßes. Anschließend soll es Moorgebiete gegeben haben, tatsächlich gibt es südwestlich an diesem Sumpf anschließend heute noch den Weißen Venn und wenig weiter westlich den Ortsnamen Maria-Veen. Eine vom Norden her anrückende Armee hätte im Bereich Dülmen ein Marschlager und die Arbeit am Bohlenweg anfangen können. Die Germanen hätten auf „bewaldeten Höhen“ Stellung beziehen können von wo aus sie die Römer angegriffen hätten, die am Bohlenweg arbeiteten. Sie hätten dann westlich des Merfelder Bruchs den Heubach, oder aber kleinere Bachläufe aus der Hohen Mark anstauen können, um die Bauarbeiten der Römer wegzuschwemmen. Die Römer hätten dann am nächsten morgen zunächst in der Agmen Quadrata auf dem Sandhangrücken zwischen Merfeld und dem Heubach vorrücken können. Die daraus resultierende Situation – nämlich die Tatsache dass der vom Kampenbrocksbach durchströmte Merfelder Bruch ihnen den Weg nach Westen versperrte, würde den eigenartigen Bericht erklären, wonach ein oder zwei Legionen plötzlich den Sumpf überquert und so den Zusammenhalt der Armee aufgelöst hätten. Möglicherweise zogen sie es vor, sofort den Sumpf zu überqueren und das trockenere Land am Vogelberg zu nutzen. Arminius griff sie nicht gleich an; sondern wartete bis es so kam wie es kommen musste: irgendwann standen die letzteren Legionen im Weißen Fenn, die verbleibenden Truppe genauso aussichtslos bis zum Wickel im Schlamm des Merfelder Bruchs. Die römische Armee löste sich beinahe auf, es vollzog sich die Niederlage dieses 2. Kampftages, nach der die Römer das etwas höher liegende Gelände im Bereich der heutigen Gemeinde Reken erreichten und dort das Lager baute, das die Germanen auf Anraten des Ingomar am nächsten Tag zu stürmen versuchten. Nach der erfolgreichen Abwehr dieses Angriffs waren dann die Römer in der Lage, sich durch einen schnellen Marsch nach Xanten zu retten, da die sich Germanen nach diesem Rückschlag ihnen nicht mehr schnell genug in den Weg stellen konnten. Diese Entfernung von ca. 50 km wäre von einer römischen Armee durchaus in einem Tag zu bewältigen, die sich in der berichteten Situation befand: Ohne Tross oder sonstigem Hindernis und mit einer Mannschaft, die nach ihrem taktischen Teilerfolg wusste, sie müssten jetzt ihre letzten Kräfte verausgaben, um zum Rhein zu kommen, sonst wären sie verloren, wenn sie es aber schafften, wären sie gerettet.

Erstaunlich an diesem Szenario ist, dass es bedeuten würde, dass Arminius, nicht nur, wie berichtet, schneller zum Kampfplatz gelangen konnte, als die Römer – das liegt nahe –, sondern auch, dass er, dort angekommen, in der Lage war, mit einer römischen Armee aus 4 Legionen, die sich nur wenigen Marschstunden vom Stützpunkt Aliso entfernt befand, zu spielen, wie eine Katze mit der Maus. 70 km wären  folglich die Römer parallel zur Lippe marschiert, ohne aber sich diesen nur etwa 10 km entfernten Strom, ihre Hauptader, nähern zu können, denn die bewaldeten Höhen lagen dazwischen und die waren fest in germanischer Hand. Andererseits: Cäcina wird sehr gestaunt haben, was für eine riesige Streitmacht ihm plötzlich gegenüber stand. Er konnte dabei gar nicht sicher sein, dass Aliso oder irgendein anderer Stützpunkt an der Lippe überhaupt noch existierte.