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Die Schlacht um die Schlacht ist geschlagen Kalkriese
ist unangefochten
Phil Hill, Detmold/Kalkriese, Oktober 2006
Im Herbst 2006 entbrannte erneut
die Kontroverse um die Örtlichkeit der Varusschlacht: Angebliche
gebe es nun erneut Zweifel über die weitgehend akzeptierte These von
Kalkriese im Osnabrücker Land. Die Zweifler sind allerdings altbekannt:
Sie wollen Kalkriese diskreditieren, denn wenn die Schlacht nicht da war,
dann muss sie doch wohl in ehemaligen Fürstentum Lippe gelegen haben,
das 1867 im Zuge der deutschen Einigung zwar seine Unabhängigkeit verlor,
dafür aber mit dem Hermannsdenkmal Ruhm und Reichtum gewann.
Mit dem Ruhm war es 1945 dahin, als Deutschland sich immer mehr seiner ganzen
Vergangenheit schämte, mit dem Reichtum dann aber 1989, als klar wurde,
dass die Schlacht ganz woanders stattgefunden hatte und 40% des Tourismus
der Stadt Detmold wegbrach.
Nun kam es zur großen öffentlichen
Debatte, folgerichtig in Detmold: In der einen Ecke 3 Kalkrieser Archäolog/innen,
in der anderen die Hauptzweiflern aus der Historikerzunft. Was unter dem Strich
herauskam war wenig spektakulär: In Kalkriese ist man, wie jedes Jahr,
ein Stückchen weitergekommen mit der Erstellung der Beweislage. Und in
Detmold kann jeder der sehen will erkennen, dass die heimische Mannschaft
keine Torschützen hat, ja nicht mal an den Ball rankommt.
Ausgelöst wurde das ganze vom
bevorstehenden Bericht des Kalkrieser Museums um die Grabungsergebnisse des
endenden Jahres. Man hatte es hauptsächlich damit verbracht, am westlichen
Ende des Geländes einen Bereich zu erforschen, der quasi-quer zum bekannten,
weitgehend in Ost-West-Richtung verlaufenden Germanenwall liegt. Dort waren
die Spuren eines Grabens entdeckt worden, der, wenn man den Wall als parallel
zur römischen Marschrichtung gelegen betrachtet, eher in die quer dazu
verlaufende Richtung liegt und so teilweise den weiteren römischen Marsch
aus der Falle heraus behindert hätte.
Auf diesen Befund stürzte
sich nun die gesamte Anti-Kalkriese-Meute. Ein Spitzgraben sei
das nämlich! Also römisch! Germanen hätten doch keinen Spitzgraben
hingekriegt! Der Wall müsse doch von Römern gebaut worden und könne
daher unmöglich in der Varusschlacht entstanden sein, sondern hier müsste
es sich doch um eins der Lager des Caecina-Heeres gehandelt haben, das 15
n.Chr., 6 Jahre nach der Varusschlacht also, an den so genannten langen
Brücken gerade noch der Vernichtung entging.
Krisengipfel?
Anberaumt wurde dann eine Debatte
laut Spiegel ein Krisengipfel der angeblich in die Enge
getriebenen Kalkriesern. Das war natürlich eine Ente: Falls die Kalkrieser
mal die Krise kriegen, tagen sie vermutlich im Osnabrücker Raum und Gipfeltreffen
werden in der Regel nicht öffentlich gehalten. Was also im Detmolder
Landesmuseum stattfand war eine ganz normale Podiumsdiskussion im Rahmen der
gemeinsamen Tätigkeiten zur 2000. Jährung der Varusschlacht, 2009.
Von Krisenstimmung war bei den Kalkriesern auch überhaupt nichts zu merken,
sondern nur eine wissenschaftlich-nüchterne Gelassenheit.
Wer aber Veranstaltungen von Wissenschaftlern
in Museen kennt, konnte nur staunen, was für eine Menschenschar in der
beschaulichen Fürstenresidenzstadt zusammenströmte, um sich die
Details dieser eher trockenen archäologischen Materie vortragen zu lassen.
250 quetschten sich rein, mindestens 100 mussten draußen bleiben. Lokalpatriotismus
war wohl eher der Anlass, trotzdem blieb man friedlich und freundlich. Aber
kam Volk auf seine Kosten?
Geleitet wurde die Kalkrieser Mannschaft
von Prof. Günther Moosbauer, ein jovialer Bayer der von der Uni in Osnabrück
aus die Aufsicht über das wissenschaftliche Projekt innehat; er erzählte
vom Hintergrund der Grabung und fasste die These zusammen, es handele sich
tatsächlich um die Reste eines Teils der Varusschlacht. Susanne Wilbers-Rost,
die vor Ort die norddeutschen Scholle umgräbt, berichten von den Grabungen
des Jahres, ihr Mann Achim Rost trug zur Schlachtfeldarchäologie vor,
bei der die Kalkrieser Grabung zu den prominentesten Projekten weltweit zählt.
Spannen war der Befund des letzten
Jahres eigentlich schon, denn er zeigte, das die Germanen den Schlachtfeld
nicht nur seitlich sondern auch am Ausgang befestigt hatten; der Mangel an
Kampfspuren legt nahe, dass sie das auch ziemlich erfolgreich taten, denn
die Römer sind wahrscheinlich nicht weitergekommen sind. Aber für
solche Schlussfolgerungen sind Archäologen generell viel zu vorsichtig,
nächstes Jahr kommt ja auch schon die nächste Grabung.
Für die vorangegangene Aufregung
hatte man aber einen Dämpfer bereit: Auch bei den bereits gefunden Gräben
am Wall habe man beiderlei Gräben gefunden: Sowohl Muldengräben
d.h., Gräben, so wie sie normale Menschen ausheben, wenn sie das
mal tun , als auch Spitzgraben, also die speziellen, steilen und spitz
zulaufenden römischen Lagergräben, die im Kampf viel wirkungsvoller
sind. Und auch beim neuen Befund habe es beides gegeben. Die Erklärung:
an einer Stelle hätten wohl Germanen aus dem nächsten Dorf gebuddelt,
an der anderen die römisch ausgebildeten germanischen Hilfstruppen, die
Arminius befehligte und die zusammen mit ihm zu den Aufständischen übergelaufen
waren. Diese Männer konnten auch einen Spitzgraben ausheben. Also keine
Krise, sondern Schall und Rauch.
Mit kleiner Münze
Auf der anderen Seite waren die
beiden Historiker, die immer noch nicht an Kalkriese glauben,
nämlich der Hannoveraner Peter Kehne und der Tübinger Professor
Wolters. Letzterer ist Numismatiker und erlaubte sich einen Vortrag zum Münzbefund,
den bestimmt kaum ein Anwesender verstehen konnte. Allerdings: Ausgeblendet
hat er zunächst weitgehend gerade die Münzen, die für die Diskussion
am wichtigsten sind, nämlich das Kupfergeld der Soldaten, das in Kalkriese
gefunden wurde bzw. fehlte. Auf Nachfrage ging er dann doch darauf ein. Was
dann unter dem Strich herauskam war:
1. Sicher ist, dass das Schlachtgeschehen von Kalkriese nach dem Jahr 7 n.Chr.
stattfand, denn es wurden dort Münzen mit Varus Gegenstempel gefunden
und er kam erst in diesem Jahr in Germanien an. Also erlauben die in Kalkriese
gefundenen Münzen definitiv diese Schlacht an diesem Ort zunächst
aber auch eine spätere.
2. Münzen, die wohl nach dem Jahre 10 n.Chr. gemünzt wurden, fehlen
gänzlich, besonders eine Ausgabe, die, wie viele meinen, speziell für
das neue, nach Jahr 10 gebildete Heer herausgegeben wurde. Keiner kann mit
absoluter Sicherheit beweisen, dass dieses Fehlen die Schlacht auf den Zeitraum
7 bis 10 begrenzt und in dieser Zeit gab es nur die eine Schlacht ,
wie die Kalkrieser vermuten. Man ist sich auch nicht sicher, dass es die fehlenden
Münzen nicht schon früher gab. Aber alle funden deuten darauf hin.
Und Kalkriese eben auch. Vollkommen bewiesen ist nichts das wäre
ein Zirkelschluss. Aber andersrum: Die Münzkunde einschließlich
Wolters hat auch nichts, das die Örtlichkeit in Kalkriese in Frage
stellen würde und schon gar nichts, um einen gegenteiligen Beweis zu
erbringen.
Kehne Ahnung
Und dann war noch Kehne, um für
Aufregung oder auch Aufheiterung zu sorgen. Seine schon mal
zu Papier gebrachten Anpöbeleien gegen die Kalkrieser Kollegen wiederholte
er in abgeschwächter Form gegen Wilbers-Rost: Sie sind keine provinzrömische
Archäologin. Nun gut. Erstens ist Kehne auch nicht unbedingt ein
Althistoriker sondern ein Spezialist für Gewerkschaftsgeschichte, aber
lassen wir das mal durchgehen. Wichtiger aber ist; Susanne Wilbers-Rost ist
eine sehr erfahrene Germanen-Archäologin, insbesondere in diesem Raum
und der Fundort ist kein provinzrömischer sondern
eher ein germanischer, auch wenn die meisten Fundstücke römischen
Ursprungs sind das ist aber im freien Germanien gar nicht unüblich.
Sieht man von diesen Sachen aber
ab und auch von der nervig-flapsigen Redensart des Mannes (das Wort irgendwie
kommt in seinem Sprachduktus öfter vor, als der, die
und das zusammen), so stößt man sich v.a. an seine
unmöglich unwissenschaftliche Methodik: Er sucht sich Faktum aus, erklärt
es zu einem Ausschlussgrund
deswegen kann die
Schlacht gar nicht in Kalkriese stattgefunden haben und wischt
damit jede Argumentation vom Tisch, den man für die Gegenthese vorträgt.
Natürlich wäre diese Methode
u.U. angebracht. Wenn jemand behauptet, er habe an einem Hügel in Neuengland
die Knöpfe französischer Uniforme aus dem frühen 19. Jhdt.
entdeckt und daher meint, die Schlacht bei Waterloo habe eigentlich dort,
da die Landschaft auch stimme, stattgefunden, dann reicht natürlich der
Ausschlussgrund, dass die französische Armee 1815 gar nicht die Möglichkeit
gehabt hätte, nach Amerika zu gelangen, um eine solche unsinnige Diskussion
schnell zu beenden. Doch auch und gerade wo die Fakten weniger
eindeutig sind, muss ein Ausschlussgrund eben wirklich stichhaltig sein, etwa
genauso unerschütterbar, wie die Unmöglichkeit einer Überfahrt
Napoleons nach Amerika mit seiner ganzen Armee. Was sind also Kehnes Ausschlussgründe?
In seinem Vortrag gab es mindestens drei:
1. Das mit den Spitzgräben.
Dort blamierte er sich ganz besonders gründlich mit der Behauptung, Spitzgräben
könnten nur römisch sein, das sei ein Dogma der Archäologie.
Erstens stimmt das nicht, zweitens sind Dogmen wohl in einer solchen
Diskussion hoffentlich eine wesensfremde Kategorie.
2. Die Tierknochen. Eins der überzeugendsten Argumente für Kalkriese
sind die Knochenfunde mit Spuren von Witterung und Raubtierbiss, die
genau bezeugen: Sie wurden erst nach Jahren bestattet, also vermutlich, wie
von Tacitus berichtet, vom Germanicus-Heer im Jahre 15 n.Chr. Wenn die Knochen
aber aus einer späteren Schlacht stammen zwangsläufig frühestens
in 15 n.Chr. , wer hat sie dann Jahre später begraben? Wohl nicht
Germanicus, ein paar Wochen früher! Die Germanen meint Kehne, ordentliche
Deutsche waren das wohl und haben irgendwann einen Putzrappel gekriegt. Aber
das nur nebenbei. Mehr noch beschäftigt ihn die Tatsache, dass in den
Gräbern auch die Knochen von Pferden und Maultieren lagen. Das hätten
die Römer nie geduldet, sagt er, dadurch hätten sie die Gräber
entweiht, unmöglich, ausgeschlossen und somit fertig. Und Jungs vom Lande
waren das auch alle, Tier- und Menschenknochen konnten die gut und auf Anhieb
unterscheiden, genau und ohne Irrtum. Auch hier ergibt der Kalkrieser Befund
zwar ein plausibles Bild: in den Gräbern überwogen in der Tat die
Menschenknochen, während die Tierknochen in größerer Zahl
bei den nicht bestatteten Knochen vorkamen, einen Versuch, sie zu trennen,
hat es also wohl gegeben. Aber nein, wenn es überhaupt vermischte Funde
gibt, dann ist das für Kehne schon ein Ausschlussgrund gegen Kalkriese.
Er war wohl nie bei der Bundeswehr, sonst hätte er sich die Situation
besser vorstellen können: Los Jungs, jetzt sammelt mal die Knochen
ein. Und aufpassen, dass ihr nur die Knochen von den Kameraden in die Gräber
schmeißt und nicht die von nem Gaul! Und dann sammelt man
fleißig und wenn der Soldat meint, vielleicht ist das ein Pferdeknochen,
dann lässt ers liegen. Vielleicht deutet er aber v.a. die als Pferdeknochen,
die in den Brennnesseln liegen und sammelt die, die leichter zu kriegen sind,
zusammen. Der Spieß kann ja nicht überall gleichzeitig aufpassen.
Und irgendwann hat man genug Knochen im Loch und er wird zugeschüttet.
Und wahrscheinlich sind dann auch mehr Menschenknochen in dem Loch, aber vielleicht
eben auch ein paar andere
3. Die geschändeten Denkmäler. Tacitus berichtet, dass
bei Kämpfen am Ende dieses Jahres, die Germanen sowohl dieses Grabmal
als auch ein Denkmal für Drusus, wohl irgendwo im Ruhrgebiet, zerstört
hätten und dass die Römer am Anfang des nächsten Jahres, 16,
letzteres Gebiet wiedererobert und das Denkmal wiederaufgebaut hätten,
das Grabmal aber nicht mehr. Das hat in der Vergangenheit viele Historiker
vermuten lassen, dass es auch eine räumliche Nähe zwischen den beiden
Bauwerken gegeben haben müsse, was aber immer weniger geglaubt wird,
denn: Im Ruhrgebiet fand die Varusschlacht bestimmt nicht statt. So erstellt
Kehne aber jetzt eine lange Textexegese um festzustellen, wie nahe am Denkmal
das Schlachtfeld gelegen haben muss und kommt zum Schluss, Kalkriese sei zu
weit. Daher, erklärt er seinem erleichterten Detmolder Publikum, muss
die Schlacht auch in dessen Nähe stattgefunden haben. Die Logik ist aber
nicht zwingend, denn Detmold ist genauso weit vom vermutlichen Ort dieses
Denkmals, wie Kalkriese, beide sind, nach dem katastrophalen römischen
Feldzug von 15, tief in Feindesland, beide sind hinter Berge. Der Schluß:
Entweder das Varusschlachtfeld lag irgendwo bei Dortmund was nicht
sein kann , oder Tacitus hat ein bisschen verkürzt und schludrig
berichtet, was durchaus sein kann. Im letzteren Fall aber sind wir wieder
mit unserem Latein am Anfang und müssen erneut feststellen, was alle
seit 500 Jahren wissen: Tacitus sagt uns nicht, wo die Varusschlacht lag,
sondern gibt nur Deutungen.
Fazit aus dem Ganzen:
Wolters hat nicht einmal Zweifel gesät, Kehne hat sich einfach nur blamiert.
Das Aufgebot zum letzten Gefecht, das die Detmolder Hermannschlacht
in letzter Not aus den Fängen des Kalkrieser Ungeheuers retten sollte,
ist, im Anmarsch auf 2009, gescheitert. Etwas für die große Glocke
ist das allerdings nicht: Die meisten haben es schon längst gewusst,
die Ewiggestrigen werdens auch jetzt nicht mehr lernen. Das zeigte ein
Zuschauer in Detmold, der sich gegen Ende des Vortrages zu Wort meldete: Ich
bin ein Laie, ja? Nur ein Laie! Ich habe eine Frage: Geht es hier um die Varusschlacht,
oder geht es um Kalkriese?
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