Die Schlacht um
das Schlachtfeld
Der deutsche Gründungsmythos feiert im September 2009 Jubiläum. Höchste
Zeit, einige der historischen Fakten zum Kampf der Germanen gegen die Römer im
Teutoburger Wald klarzustellen. Eine Bestandsaufnahme
von Phil Hill
TAZ, Berlin, 20.8.2006
Susanne Wilbers-Rost steht auf einer typischen
norddeutschen Weide, am Horizont im Norden sind die Dammer
Berge. "Hier", verkündet sie trocken, "ist der nördlichste Punkt
der deutschen Mittelgebirge, das", sie zeigt nach Süden, "ist der
Kalkrieser Berg." Berg? Die Erhebung sieht man schon wegen der Baumkronen
nicht! Es ist eben der nördlichste Punkt, nicht der höchste. Vor uns liegt ein
Loch, ein viertel Fußballfeld groß, ein bis zwei Meter tief, das Neueste von
etwa vierzig Löchern, die seit 1989 ausgehoben wurden.
Die Archäologin ist einem Superlativ auf der Spur: der berühmten Schlacht um
die Zeitenwende zwischen Römern und Germanen. Befreiungsschlag oder
Zivilisationsfrevel, Leidenschaft von Provinzpatrioten oder Geburtsstunde
Europas, nationalistisches Heiligtum oder schamhaft verschwiegenes
Nichtereignis – die "Schlacht im Teutoburger Wald" hat viele
Gesichter. Dank der Ausgrabungen weiß man jetzt zumindest, wo sie stattfand:
bei Bramsche in Niedersachsen
Zur Geschichte: Kaiser Augustus hatte bis zur Elbe alle germanischen Stämme
unterworfen. Sein Mann vor Ort, Quintilius Varus, kannte sich im Lande wenig
aus und verließ sich auf den römisch gebildeten Fürstensohn Arminius vom Stamme
der Cherusker. Eines Tages berichtete dieser vom Aufstand eines kleinen Stammes
im sumpfigen Norden. Alsbald zogen drei Legionen, etwa zwanzigtausend Mann,
durchs heutige Osnabrücker Land, um die Aufmüpfigen zu unterwerfen. Sie zogen
in eine Falle.
Im dichten Wald, bei einem fiesen norddeutschen Herbststurm, gerieten die
Legionen in einen Hinterhalt der Germanen unter Führung eben dieses Arminius.
In den nächsten Tagen zogen die Römer weiter, wurden verlustreich geschlagen
und letztlich – hier, vor dem Kalkrieser Berg – umzingelt. Kaum einer entkam.
Zwischen Weser und Rhein fielen danach Lager, Kastelle und zwei neu gegründete
Städte. Sieben Jahre lang versuchte Rom die Wiedereroberung – vergeblich. Mit
dem erzwungenen römischen Verzicht waren Europas Weichen gestellt: Nicht nur
römisch, auch germanisch sollte es werden. Im September 2009 jährt sich der
Anfang dieses Schicksalskrieges zum zweitausendsten Mal. Größere "runde
Jahrestage" gibt es nördlich der Alpen nicht.
Einst war die Schlacht Deutschlands
Gründungsmythos schlechthin, der zum Hermann regermanisierte
Arminius des Volkes Stammvater. Ihm wurden Kitschgemälde, Kitschlieder
("Als die Römer frech geworden, zogen sie in Deutschlands Norden")
und nicht zuletzt ein Kitschdenkmal bei Detmold zugedacht. Das liberale
Deutschland spottete, wie Heinrich Heine: "Hier schlug ihn der Cheruskerfürst, der Hermann, der edle Recke; die deutsche
Nationalität, die siegte in diesem Drecke" – und "subskribierte"
dennoch Geld, um das Monstrum zu bauen, denn ein solcher Freiheitskämpfer als
Symbol war eine feine Sache! Doch aus dem Klingelbeutel war der von Ernst von
Bandel geschaffene Klotz nicht zu bezahlen, da griff Kaiser Wilhelm I. in die
eigene Tasche. Seit 1875 stand im (falsch) umbenannten "Teutoburger
Wald" der "Hermann" mit erhobenem Schwerte und wachte über das
Land. Wunderte er sich vielleicht, wieso nun doch ein "Cäsar" es
regierte und seine alten Freunde, die Gallier, plötzlich "Erbfeinde"
waren?
Aber diese Zeiten sind längst vorbei. Der Schutt des letzten deutschen
Krieges vergrub auch den allerersten – wenn er's denn war, denn zur
postnationalen Korrektheit gehört auch, vehement jede Identität von
"Germanen" und "Deutschen" abzustreiten – es sei denn, um
die Germanen in Sippenhaft zu nehmen. Um den Kelten ist eine vielschichtige
moderne Mythologie entstanden, die bei Asterix anfängt und bei Artus kein Ende
findet, die Germanen hingegen, die nicht in einem Comic-Dorf, sondern in der
wirklichen Geschichte Rom die Grenzen zeigten, sind unpopulär. So konnte man
etwa jüngst in einer Fernsehbiografie über den Kaiser Augustus sehen, wie kein
Wörtchen über die Niederlage fiel, die ihn um die Vollendung seines
Lebenswerkes brachte, stattdessen zitierte man seine Behauptung:
"Germanien habe ich befriedet": Die Selbsttäuschung eines
gescheiterten Greisen wird zur zeitgenössischen "Wahrheit".
Am Vorabend des Jubiläums erhebt sich die Schlacht aus der Versenkung. Oder
wird erhoben, von Wilbers-Rost und ihrem achtköpfigen
Team, die inzwischen die letzte Gewissheit über die "Örtlichkeit der
Varusschlacht" erbracht haben – eine wissenschaftliche Sensation. Denn ein
antikes Schlachtfeld komplett auszugraben, um ein historisches Problem zu
lösen, das hat es so noch nie gegeben. Nicht allerdings wegen ausgebliebener
Versuche. Um 1500 fand man in Klöstern die alten Berichte über die längst
vergessene Schlacht. Rom prügeln war gerade angesagt, Martin Luther etwa hatte
seinen Hermann "von hertzen lib".
Die Falschnennung, von Linguisten verworfen, geht wohl auf seine Kappe. Wie der
Cherusker daheim genannt wurde, weiß man nicht, der Name "Erminomar" wird vorgeschlagen, es wird aber auch
spekuliert, man habe es mit dem ursprünglichen Nibelungen-Siegfried
zu tun. Ab dato suchte man jedenfalls ganz Westfalen, wo einst die Römer
hausten, nach dem Heldenort ab, und da war kein
Dorfpfarrer oder -lehrer, der nicht "stichhaltig" beweisen konnte,
nur bei ihm und sonst nirgends müsse er sein.
Letztlich kamen so siebenhundert "Schlachtfelder" zusammen, und
das ging selbst nach 1945 weiter, sodass man sich noch heute Theorien von
Hildesheimer und Halberstädter Lokalpatrioten ergoogeln kann, die das Geschehen orten wollen. In den
1980er-Jahren "bewies" ein Sauerländer sogar, nur über
"Wasserscheidewege" hätten die Römer marschieren können – durch seine
Heimat also.
Doch diese fantasievollen Märchenzeiten sollten schon bald der Wahrheit
weichen. Die seriöse Wissenschaft war sich wegen eines Tacitus-Berichtes schon
immer ziemlich sicher gewesen: Irgendwo in den niedrigen Bergen westlich der
oberen Weser – Detmold, Herford, Osnabrück – müsse das Schlachtgeschehen zu
suchen sein, das Hermannsdenkmal steht an dem einen
Ende des in Frage kommenden Gebiets, der Kalkrieser Berg an dem anderen.
Schon Theodor Mommsen, der große alte Mann der Altertumshistorie, hatte
anhand von Münzfunden für Kalkriese argumentiert, wo sich eine Falle wie die
des Arminius gut stellen ließe. Aber das nationale Deutschland wollte die
Schlacht gefälligst da haben, wo das teure Mammutdenkmal stand, und nicht
siebzig Kilometer entfernt. Auch legitime Zweifel waren aber angebracht: Denn
Kalkriese liegt so weit nördlich, dass selbst Mommsen hin- und hergerissen war: Die Münzen sprachen dafür, die
strategische Logik dagegen.
Die Wende kam 1987: Der britische
Hobbyarchäologe Tony Clunn suchte das alte
Mommsen'sche Gebiet ab und fand nicht nur mehr Münzen, sondern auch kleine
Waffenstücke. So nahm sich die offizielle Archäologie der Sache an, ans Licht
kamen sechstausend Stücke – und Stückchen – römischer Ausrüstung – und nur ein
einziges germanisches, denn die Schlacht verlief, wie berichtet, wohl
tatsächlich recht einseitig. Münzfunde grenzten den Zeitpunkt ein, Knochen
junger, kräftiger Männer lagen in Massengräbern, Organisches hatte die richtige
Kohlenstoffdatierung. Bis zur Jahrtausendwende war man sich sicher: Hier war's
gewesen. Kurz danach erhob sich, einsam in der strukturschwachen Landschaft,
das neue Varusschlacht- Museum,
Spektakuläre Stücke, wie die berühmte Helmmaske eines römischen Offiziers,
sind in der Ausstellung die Ausnahme; die Vitrinen füllen sich vor allem mit
dem Kleinschrott, den die Sieger übersahen, als sie mit protodeutscher
Gründlichkeit das Schlachtfeld leer räumten. Angereichert wird das Angebot mit
pädagogischen Mitteln, einschließlich eines "Mommsen-Raumes", denn
der alte Historiker ist hier ein Held. Die Botschaft: Kaiser und Deutschnationale
können bleiben, wo sie sind, in ihrem "Teutoburger Wald", mit ihrem
"Hermann"; hier, wo die Schlacht wirklich stattfand, wie es der
linksliberale Mommsen, Lichtgestalt des "guten Deutschlands",
vermutete, betreibt man postnationale, wissenschaftliche Aufklärung. Der
Detmolder Koloss ist passé; wer Geschichte auf zeitgenössische Weise erleben
will, kommt mit der Familie an Ostern oder Pfingsten nach Kalkriese zum
Volksfest und sieht, wie sich Hobbyrömer und Hobbygermanen aus ganz Europa gegenseitig
mit Gummispeeren und Styroporsteinbrocken bearbeiten und nachher bei Wein und
Met zusammensitzen. Rechtzeitig zum 2.000. Jahrestag haben die ArchäologInnen dieses wichtige Ereignis aus der Quarantäne,
in der die nationalistische Vogelgrippe wohl tatsächlich ausgemerzt werden
konnte, herausgeholt.
Inszeniert werden die Scheinschlachten am großen Überraschungsfund, der
allerdings in keine Vitrine passt: am "Germanenwall". Überraschend,
weil ihn kein (überlieferter) Römer erwähnt, obwohl ihn keiner übersehen haben
kann, denn er machte die von der Natur vorbereitete Falle komplett. Fünfhundert
Meter schlängelte er sich am Fuß des Berges entlang, versehen mit Brustwerk,
Entwässerungsgraben und Öffnungen für Ausfälle. Arminius baute diese Falle und
lockte Varus hinein – ein genialer Schlag, der das Weltreich nicht nur
anschlug, sondern auch erniedrigte: Denn dass "Barbaren" so etwas
gelingen, einer römischen Armee so etwas passieren konnte, stellte dessen Welt
auf den Kopf. Arminius' "Verrat", das schreckliche Wetter, die
Dummheit des Varus, die Tatsache, dass die Reiterei wohl etwas vorzeitig
abhaute – das alles hielt für die römische Rechtfertigungspropaganda her, nur
eins nicht: Die "Barbaren" waren schlauer als wir, kämpften
diszipliniert, waren uns immer einen Schritt voraus. Das durfte, konnte nicht
sein. Ein Schleier fiel über das Ereignis. Überlebende bekamen als Belohnung
die lebenslange Verbannung aus Italien, denn kein Mensch in der Heimat sollte
am Kneipentisch erfahren können, was wirklich geschehen war. In den
Schriftquellen kommen Varus, Arminius, ja selbst die vernichteten Legionen
XVII, XVIII und XIX so spärlich vor, dass wir heute kaum etwas über sie wissen –
dies aber wohl: Nie wieder wurde einer Legion eine dieser Nummern zugewiesen.
Der Wall, Symbol der Katastrophe, zerfloss im Regen des Nordens, am Tiber
schwieg man ihn tot.
Nicht mal eine kleine Erhebung, wie man sie von Stellen des Limes kennt, war
zu sehen, als man um 1989 hier anfing. Es verrät erst die Verfärbung des von
tausend Jahren bäuerlicher Düngung zugeschütteten Bodens, wo es einst Sand,
Moor, Waldboden – oder einen Erdwall – gab. Man hat nun einen
"Schnitt" von 80 x 25 Metern freigelegt, den Wall auf dieser Breite
wiederaufgebaut und die ursprüngliche Pflanzenwelt aufwachsen lassen – einschließlich
eines Stückchens Sumpf, sodass das Nadelöhr, durch das die Varus-Armee
hindurch musste, vorstellbar wird. Hier lag der Hauptpunkt des Kampfes: Die
Römer versuchten den Wall zu stürmen, doch er hielt, wenige konnten fliehen,
der Rest kapitulierte. Die tausenden Leichen wurden nackt ausgezogen – im
ärmlichen Germanien war alles wertvoll – und liegen gelassen, bis eine römische
Armee sechs Jahre später herkam und sie in Massengräbern bestattete, Mann und
Maultier zusammen: So beschrieb es Tacitus, genauso fand man es, mit Spuren von
Witterung und Raubtierbissen an den im Freien gelegenen Knochen.
Die Euphorie des Anfangs hat Deutschlands wohl vorerst letztes neues
Großmuseum in Kalkriese allerdings schon hinter sich, jetzt kommen die Probleme:
wenige neue Funde, abnehmende Besucherzahlen, knappe Forschungsmittel. Nachdem
letztes Jahr ein wichtiger Befund an den Enden des Walls den Verlauf der
Schlacht zu erhellen versprach, ruhte acht Monate lang die Grabung. An eine
vollständige Wiederherstellung des Schlachtfeldes ist bei derzeitigen Mitteln
gar nicht zu denken, die meisten Schnitte sind zugeschüttet. Auf dem Feld
sollen sich nun zwei Armeen aus Sonnenblumen gegenüberstehen.
Die kurze finanzielle Leine schadet der Wissenschaft, so ein anonymer
Insider: So hält man im Museum etwa eisern an der alten Mommsen'schen Theorie
fest, die Römer wären von Minden an der Weser direkt westlich nach Kalkriese
marschiert, obwohl kein Wort der Überlieferung und kein Fund aus einer Grabung
dafür spricht. Der mögliche Vorteil: Da dort nichts zu finden sei, werde man
mit seinen arg begrenzten Mitteln nicht danach graben müssen.
Gustav-Adolf Lehmann und Boris
Dreyer, zwei Göttinger Historiker, glauben dagegen, der
Bericht vom Überfall im "dichten Walde" lege einen Anmarsch von
südlich des Wiehengebirges nahe. Das wiederum impliziert einen Zusammenhang mit
dem benachbarten Westfalen, wo sich die Funde häufen. Doch da gibt's Probleme,
denn der Westfale an sich ist untröstlich. Blieb, nachdem Deutschland längst
nicht mehr "herrlich Hermannsland" sein
wollte, Arminius für ihn immer noch Lokalheld, so stellt sich nun heraus, dass
diese treulose Tomate doch tatsächlich gewartet hat, bis der letzte Römer die
Heimat verließ, bevor er angriff.
So wendet sich das offizielle Westfalen politisch korrekt den Römern zu und
lässt die Lippe, ihre Hauptverkehrsader und Siedlungsschwerpunkt, zur
Zivilisationsquelle hochstilisieren. In Haltern, wo das Museum mit den
Römerfunden von den Lippelagern steht, hat man Varus ein Denkmal gebaut und
schimpft Arminius einen "Verräter" – welcher Revoluzzer war das
nicht? Die einfachen Stammesleute aber halten an ihrem Glauben an eins der
siebenhundert Nichtschlachtfelder unbetört fest. Der gemeinsame Nenner: Man
ignoriert dieses arrivierte Schlachtfeld im hohen Norden. Für Johann Sebastian
Kühlborn vom Westfälischen Museum für Archäologie in Münster, einen wichtigen
Mann im mächtigen Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), ist das alles
Unsinn, was die Nachbarn verzapfen. Er bedauere deren Irrtum, aber Tacitus habe
ganz klar gesagt, das Varusschlachtfeld sei
"nicht weit" vom Land zwischen Ems und Lippe gelegen, Kalkriese sei
aber nun mal "weit". Irgendeine Schlacht werde das schon gewesen
sein, wohl eine von denen im Wiedereroberungsfeldzug von 15 bis 16 n. Chr.
Leider sind diese Schlachten aber gut beschrieben worden. Keine kommt in Frage.
Dabei arbeitet der LWL gerade an einem der spannendsten Funde überhaupt.
Chefarchäologin Gabriele Isenberg sprudelt geradezu
vor Freude über die Spuren von Bleiabbau und Bleiverarbeitung an der Lippe und
im Sauerland, von den Römern eingeleitet und von den Germanen nach ihrem Sieg
anscheinend weiterbetrieben. Denn die Implikationen sind immens: der erste
handfeste Beweis für römische Wirtschaftsinteressen in Germanien; ein wichtiger
Fall germanischen Lernens von ihren Feinden; und nicht zuletzt ein Indiz für
Handel zwischen den beiden Völkern nach Abschluss des Krieges, denn für Blei
hatten die Germanen kaum Verwendung, wenn sie es ausgruben, außer als Exportware.
Doch gerade dieses Projekt wird vom dreifach runden Geburtstag des wichtigsten
Ereignisses vor Ort säuberlich getrennt, so als gelte es, bloß keine
öffentlichkeitswirksamen Zusammenhänge zuzulassen. Auch wissenschaftlich ist
das unverständlich, fügen sich doch politische,
wirtschaftliche und militärische Erkenntnisse zu einem Gesamtbild des damaligen
Geschehens zusammen. Mitten im Bleirevier etwa liegt im Dörfchen Kneblinghausen
ein längst bekanntes, doch kaum erforschtes Römerlager – möglicherweise
Standort einer "Varus-Legion" – zur
Überwachung des Bergbaus dorthin kommandiert? Sollte man es nicht mal
ausgraben?
Keine Chance – im Gegenteil: Man schüttet die Stätten systematisch zu. Zum
Beispiel das jüngst ausgegrabene Hauptlager des Tiberius in Anreppen nahe
Paderborn, laut Chronik 4 n. Chr. gegründet und vermutlich nach fünf
Jahren wieder stillgelegt, in der Zwischenzeit wohl Kommandozentrale des Varus.
2004 ließ man anlässlich "2.000 Jahre Römerlager" ein paar Sektkorken
knallen, dann kamen die Bagger. Jetzt sollen, wie in Kalkriese, Pflanzungen
Teile des Umrisses markieren. Wiederherstellungen wie am Limes sind zu teuer,
deswegen konkurriert man also hilflos mit barocken Gärten.
In Niedersachsen gibt es das Gegenteil des allmächtigen Landschaftsverbandes
Westfalen-Lippe. Hier herrscht das autonome Kreischaos. Joseph Rothmann,
Geschäftsführer der "Varusschlacht GmbH", sieht keine Möglichkeit zur
Kooperation seines Museums mit anderen Ausgrabungen im Lande – etwa mit
Göttingen, wo Kreisarchäologe Klaus Grote in Heddemünden
den Standort einer "Varus-Legion"
(vielleicht der XIX.) ausgräbt, Kalkriese ist daher auf Gedeih und Verderb an
den nachbarlichen Landschaftsverband gekettet.
Und das ist immer noch besser als die Situation in Hessen, wo man in den
letzten Jahren in Waldgirmes bei Wetzlar die älteste Stadt jenseits von Rhein
und Donau fand, vielleicht die noch nie geortete "Augusta Taunensis". Auch sie wurde im letzten Herbst wieder
zugebaggert, denn das Land von Großbörse und Großflughafen hat sich die wenigen
hunderttausend Euro, die die Sicherung dieses einmaligen Fundes gekostet hätte,
lieber gespart. Achim Becker grub zuletzt mit einer Hartz-IV-Truppe
den Brunnen der Stadt aus und konnte anhand von Holzbalken bestätigen, dass sie
4 v. Chr. gegründet – und 9 n. Chr. sicherlich fluchtartig
geräumt wurde, die Bevölkerung floh wohl nach Mainz. Oder wurde abgeschlachtet,
letzte Gewissheit wird man jetzt wohl nicht mehr kriegen.
Waldgirmes, Anreppen, Kalkriese – Stätten von
Weltbedeutung, die nach einer neuen Art von Geschichtsdarstellung rufen, für
die aber Deutschland bislang wenig bis gar nichts zu geben bereit ist. Aber
auch: Zipfel eines Eisberges aus Lagern und Festungen, Schlachtfeldern und
Häfen, Städten und Bergwerken, im ganzen Gebiet der verhinderten römischen
Provinz "Germania Magna" – etwa das heutige Hessen, Westfalen und
Niedersachsen –, alles in etwa einem Meter Tiefe. Diese Geschichte, deren
Umrisse jetzt schon deutlich geworden sind, ist mindestens so wichtig wie der
jüngst zum Weltkulturerbe erhobene Limes, der in den folgenden mehr oder
weniger friedlichen Jahrhunderten die Grenze markierte. Sie kann aber nur durch
weitere Ausgrabungen erzählt werden, denn die Sieger, die normalerweise
Geschichte schreiben, konnten nicht, und die Verlierer wollten nicht so
richtig.
Die nationale Symbolschlacht geschah überall und nirgends, sie ist ein
Märchen, in dem ein gottgleicher Held mit einem Schlag und ohne Verluste das
Böse vernichtet. Genauso könnte man die Hexenhütte von Hänsel und Gretel
"orten". Erst die jüngsten Ausgrabungen von Kalkriese lassen die
Schlacht historisch werden. Man kann erkunden, "wie es wirklich war":
der Anfang eines langen, blutigen Krieges nämlich, ein germanischer Sieg im
geschichtlichen Rahmen, mit all seinen Widersprüchlichkeiten, kein
Gottesschlag.
Die Varusschlacht war einer von zwei weltgeschichtlichen
römisch-germanischen Stürmen, die die römische Kaiserzeit markieren; der zweite
war die Völkerwanderung. Dazwischen gab es Ruhe, geografisch gesichert durch
den Limes. Nun tritt der Krieg, genau nach zwei Jahrtausenden, aus dem Nebel
hervor, als Herausforderung und Aufgabe, die Deutschland Europa und der Welt
schuldet. Arbeitslose Akademiker, die sie bewältigen, strukturschwache Gebiete,
die davon profitieren könnten, gibt es genug.
So war es (wohl)
Die Funde von Kalkriese erlauben es
erstmals, insbesondere anhand des Schlachtberichts von Cassius
Dio, eine Rekonstruktion der Schlacht zu
wagen. Sein "dichter Bergwald", in dem der Überfall geschah, muss
südlich des Wiehengebirges gelegen haben, wahrscheinlich zwischen Melle
und Ostercappeln, sein "offenes Gelände" nördlich des
Gebirges.
Hier ein Versuch über die
Schlacht: September, 9 n. Chr. Die drei Legionen an der Weser ziehen in
Winterquartiere an den Rhein zurück, da meldet Arminius dem Varus einen
Aufstand. Dieser sammelt sein Heer im Bereich Herford-Salzuflen. Zunächst zieht
er unbehelligt. Im Heer ahnt man nichts, übernachtet friedlich irgendwo bei
Melle. Zur Tagnachtgleiche und bei Vollmond bringen sich die germanischen
Krieger im angrenzenden Waldgebiet in Stellung. Am anderen Morgen hat die Armee
Mühe mit dem unwegsamen Gelände und dem Regen, sie dehnt sich immer weiter aus.
Als sich die Vorhut dem Wiehengebirge nähert, ist man plötzlich einem Hagel aus
Pfeilen und Wurfspießen ausgesetzt. Eine wirksame Verteidigung ist unmöglich,
ein Lager wird sofort aufgeschlagen. Der Tross ist verloren, doch selbst die
Wagen, die gerettet werden, sind zu viele, das meiste wird verbrannt. Derweil
dürfen sich die Soldaten von ihren Kameraden verabschieden, deren Köpfe
jenseits des Lagerwalls aufgespießt sind.
Was
nun? Nach Süden ist der Weg kürzer, führt aber zurück durch den Wald. Der
Norden wäre ein Umweg. Die Lösung: Ein Kompromiss. Am nächsten Morgen stößt man
nach schwerem Kampf nordwärts ins offene Gelände vor, das heute zwischen Wiehengebirge
und Mittellandkanal liegt, kommt schnell voran – vielleicht ist die Kolonne nur
noch einen Kilometer lang – und versucht dann, durch den Wald südlich des
Kalkrieser Berges die rettenden Stützpunkte im Süden zu erreichen. Unter schwersten
Verlusten werden die Römer zurückgedrängt, ihnen bleibt jetzt nur noch übrig,
den Berg nördlich zu umgehen. Sie ziehen in einem Nachtmarsch genau dorthin, wo
Arminius sie haben will.
Arminius hat einen 500 Meter langen
Erdwall entlang des Marschweges errichten lassen, da, wo der Wald bis direkt an
den hier nur etwa 100 Meter breiten, lichten und trockenen Bereich heranrückt.
Bei Sonnenaufgang sehen sich die Römer erneut in einer Falle: Links der Wall,
rechts der Sumpf, vorne eine Befestigung, hinten der Feind. Sie sind erschöpft,
viele verwundet, Kälte und Hunger nagen an ihren Kräften. Ihre Bogensehnen,
Schleudern und ihre Schilde aus Holz und Leder sind vom Regen durchnässt und
unbrauchbar. Normalerweise würden sie diesen läppischen Erdwall mit der "Schildkrötentaktik"
überrollen, aber dafür braucht man gute Schilde, um das Gewicht der
vorstürmenden Truppe zu tragen, und keiner hat noch eines. Also schiebt man die
paar restlichen Wagen als Angriffsbühne an den Wall und setzen ihm noch mit
Spitzhacken zu – doch er hält: Die römischen Verluste sind so hoch, die Zugänge
der Germanen so zahlreich, das Letztere schließlich aufs Feld stürmen. Der
bereits verwundete Varus und andere begehen Selbstmord, ein Überlebender
befiehlt die Kapitulation.
Die römische
Reiterei ist bereits geflohen, vielleicht mit dem Schatz des Heeres, wie
die vielen Goldmünzen im Moor zeigen. Wenigen gelingt die Flucht,
weniger noch erreichen den Rhein. Ihre Berichte dienen
dem Thronfolger Tiberius zur Vorbereitung des Gegenschlages. Aber auch
die Germanen rüsten sich, schon im nächsten Dorf (Venne)
entsteht eine Schmiede, wo das eingesammelte Eisen weiterverarbeitet wird. Der
Krieg dauert dann noch sieben Jahre.
PH
Lokalpatrioten
Kaum ein Fachmensch zweifelt mehr am Schauplatz der Varusschlacht: im
niedersächsischen Kalkriese, da war's. Nur zwischen Sauerland und
Wiehengebirge ist das anders: In den Museen und Instituten des
Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) kann man fragen, wen man will,
keiner outet sich als "Kalkriese-Befürworter".
Ein anonymer Kenner behauptet, in Westfalen sei es politisch unmöglich,
zuzugeben, die Gründungsschlacht Deutschlands habe woanders
stattgefunden als auf heimischer Scholle.
Umso erstaunlicher, dass der LWL mit dem Römermuseum in Haltern
federführend bei den Vorbereitungen für die 2.000-Jahres-Feierlichkeit
zeichnet, die unaufhaltsam wie eine römische Legion angerollt kommt. Mit im
Boot – buchstäblich, denn ein nachgebautes Römerschiff soll an Rhein, Main
und Lippe herumrudern – ist das Lippische
Landesmuseum in Detmold und das Kalkrieser Museum. Letzteres soll
aber wohl hauptsächlich kaltgestellt werden: Auf der vom LWL betriebenen
Webseite des Projektes "2.000 Jahre Varusschlacht" mussten die
Nachbarn jede eindeutige Behauptung über die Örtlichkeit der Schlacht meiden.
Haltern allerdings behauptet so vollmundig wie unbelegt, das Städtchen sei
bereits als römische "Provinzhauptstadt" auserkoren worden.
Ein germanisches Paris, ein London wäre sicherlich an der Lippe entstanden.
Geplant sind in allen drei Museen Sonderausstellungen, Kalkriese darf
"den Krieg" behandeln und will dazu eine
einzige Konferenz durchführen, selbst das begeistert die Westfalen wohl nicht
sonderlich. Den Halteranern fällt nichts
Besseres ein, als "das Imperium" darzustellen – und zwar, laut
Museumsleiter Rudolf Aßkamp, ohne jeden besonderen Bezug zum Krieg, der den
Anlass dafür liefert. Also zum x-ten Mal eine Ausstellung "Glanz und
Gloria Roms"? Chefarchäologin Gabriele Isenberg
dementiert – und hat tatsächlich interessante Grabungen im Gange. Aber
ansonsten ist im Hause die Lustlosigkeit spürbar: Man weiß wohl, die
Schlacht war da, wo sie nicht gewesen sein darf, daher können neue Erkenntnisse
bestenfalls diese Tatsache bestätigen, ihr Substanz verleihen.
Wer, wie der berentete Hobbyarchäologe und Studienrat Rolf Bökemeier,
die Landschaft nach Römischem absucht, um Kalkriese zu widerlegen, nervt den
Landschaftsverband Westfalen Lippe nur, denn was er findet – und es ist einiges,
nur kein ordentliches Schlachtfeld –, kann nur die Kalkrieser Theorie
untermauern, da laut Quelle der listige Arminius den gutgläubigen Varus weit
von den römischen Zentren weggelotst habe – weg von Detmold also, Richtung
Kalkriese. Für den LWL ist ein Bökemeier-Fund
automatisch ein Nichtfund.
Die Detmolder haben die etwas spannendere Aufgabe, den eng mit dem dort
beheimateten Hermannsdenkmal zusammenhängenden
Nationalmythos der deutschen Gründung aufzuarbeiten. So lauter
ihre Absichten, so eisern halten sie an der westfälischen Staatsdoktrin fest:
Pressesprecher Thomas Wolf-Hegebekemeier erklärt,
keinem Touristen sei es wichtig, wo genau die Schlacht stattgefunden habe,
daher könne man das Thema auch ausklammern. Natürlich ist das Unsinn. Touristen
besuchen Schlachtfelder, Burgen, alte Städte, um am "authentischen
Ort" eines Geschehens zu stehen, um sich vorzustellen: Hier, genau
hier, ist es gewesen. Irgendwas damit Zusammenhängendes wollen sie natürlich
auch sehen, was aber Geld kostet – und das ist knapp. Doch gerade die
Ortung woanders, der "Aufbau" einer "neuen Schlacht" an
einem neuen, unvorbelasteten Ort, ermöglicht die Überwindung des alten
"Hermannsschlacht"-Mythos.
PH
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