"2000 Jahre römische Okkupation Germaniens"

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Varusschlacht - TAZ Interview mit Phil Hill

taz: Was ist so interessant an der Hermannschlacht?

P.H.: Es ist eins der ganz wenigen Beispiele in der Geschichte, wo die "kleinen Leute" wirklich haushoch gewinnen. Und über das allmächtige Rom, dazu noch! Die Germanen waren die einzige Volksgruppe, die es schaffte, sich aus römischer Herrschaft zu befreien. Das wurde dann zum deutschen Gründungsmythos - wie Vercingetorix oder Arthus, nur eben als siegreicher Freiheitskampf. Deutschlands Befreiungskriege und -aufstände danach - der Bauernkrieg etwa, der antinapoleonische Befreiungskrieg, die 48er und die 1918er-Revolution - sind meist halbe Sachen geblieben, oder schlimmer; das ist eben die deutsche Tragik. Das erste Mal ging es aber gut. Menschen wehrten sich erfolgreich gegen die Versklavung.


taz: Aber ist die Varusschlacht denn auch heute noch wichtig?

P.H.: Ja, aber anders, Es jährt sich 2009 ja kein deutsches, sondern ein wichtiges europäisches Ereignis. "Germanen" hei§t nicht "Deutsche", sondern sie sind ein Hauptbaustein Europas, das als Synthese römischer und germanischer Elemente entstand. Im Mittelalter sehen wir etwa die prägenden Figuren einerseits des Ritters, ursprünglich eines germanischen Kriegers, und andererseits des Bischofs, der aus dem römischen Beamtenstand hervorging. Die westeuropþischen Völker sind sprachlich fast ausschlie§lich römisch oder germanisch, alle tragen aber beide Elemente in sich. Diese Synthese, diese Spannung verschiedener Traditionen ist es, was Europa ausmacht - und was die Aufnahme etwa Osteuropas oder der Einwanderer erlaubt, auf gleichberechtigter Basis. Bei einem anderen Ausgang dieses Krieges gäbe es diese Vielfalt in Europa nicht. Alles wäre römisch.


taz: Das Hermannschlacht-Mythos wurde ja sehr strapaziert und auch mit Begeisterung von den Nazis benutzt, nach 1945 gab es dann den Spruch: "Ohne Arminius kein Auschwitz". Erst kürzlich schrieb Christian Semler auf diesen Seiten, der Sieg der Germanen sei kein Grund zum Feiern, im Gegenteil: Uns entgingen dadurch 500 Jahre römischer Zivilisation. Au§erdem sei Arminius, da römischer Ritter mit Treueeid auf den Kaiser, einen Verräter...

P.H.: Richtet sich nun Zivilisiertheit nach der Zahl der unter römischem Joch gelittenen Jahrhunderte? Was ist dann mit den Schweden oder den Polen? "Ohne Arminius kein Auschwitz" ist zwar richtig, aber auch: kein England, kein Schweden, kein Westeuropa überhaupt - sondern einen ganz anderen Geschichtsverlauf. Und zum "Verrþter"-Vorwurf: in der Weltgeschichte waren die meisten Aufständischen wohl formal Verräter an ihre Unterdrücker - na und? Befreiungskämpfe sind etwas Positives, die Emanzipation beflügelndes - eine Inspiration für alle, nicht nur für die eine Nation. Der rümische Historiker Tacitus schrieb: "Eine schärfere Waffe als der Arsakiden [d.h. der persischen] Herrschergewalt ist die Freiheit der Germanen." Ein freiheitsliebendes Volk sei also gefährlicher als ein mächtiger Herrscher - für eine Weltmacht. Die Nazis und insbesondere Hitler, verehrten im übrigen die Schlagkraft und Disziplin der römischen Legionen viel mehr als die wilden germanischen Partisanen. Gut, Himmlers SS bezog sich auf die Germanen. Wollen wir jetzt über die Spinnereien Hitlers bzw. Himmlers streiten?


taz: Geschieht aber nicht die Wiederentdeckung dieses Themas seit der Wende nun erneut in so einem restaurativ-reaktionären Kontext?

P.H.: Dass dies gerade zur Wende geschah, ist ein Zufall, weil ein Hobbyarchäologe 1987 bei Kalkriese auf die Spuren der Schlacht stie§. Das Gegenteil ist aber die Folge: "Hermann" bei Detmold, Denkmal des deutschen nationalismus, ist nur noch ein Kuriosum, die Schlacht, die nach Kalkriese "umgelagert" wurde, steht jetzt in der Tradition des liberalen Theodor Mommsen. Die im schlechtesten Sinne "typisch deutschen" Untergangsphantasien mancher deutscher Linker in der Wendezeit, "das 4. Reich entsteht!", oder so ähnlich, erscheinen gerade durch dieses Projekt als völligen Unsinn.


taz: Das wissenschaftliche Establishment in Westfalen hegt immer noch starke Zweifel an Kalkriese als Örtlichkeit der Varusschlacht - sind das jetzt die Deutschnationalen?

P.H.: Auf gar keinen Fall. Ihre Motive gehen, wenn schon, in die andere, - "politisch korrekte" - Richtung. In Haltern, wo ein römisches Lager stand, haben die Stadtoberen dem Varus 2004 sogar ein Denkmal hingestellt, das ihn als tragischen Helden der Zivilisation ehrt und Arminius zugleich als Verräter anprangert. Dieser platte Antinationalismus ist fast so peinlich, wie der frühere "Hermann"-Kult. Und bei der 2000-Jahr-Feierlichkeit in drei Jahren geht es nicht um Feiern im Sinne von Jubel und ebenso wenig um Parteinahme, sondern um eine Aufarbeitung der Geschichte aufgrund neuer Funde. Das einzige Problem dabei ist, dass die Westfalen die Sache torpedieren, indem sie die so gut wie sichere Örtlichkeit von Kalkriese leugnen. Insofern verhindern sie auch die Aufarbeitung und helfen - ohne es zu wollen - Leute, mit denen sie bestimmt nichts am Hut haben.