"2000 Jahre römische Okkupation Germaniens"

 

Wie verlief die Schlacht? Die Konturen werden deutlich

Auch wenn wir jetzt wissen, wo die berühmte „Varusschlacht“ stattfand, der Verlauf muss noch zusammengestückelt werden. Doch ausgerechnet die Kalkrieser Wissenschaftler/innen, die dieses Jahrtausendwerk vollbracht haben, zeichnen ein Bild, das der römischen Überlieferung, insbesondere dem einzigen umfassenden Bericht der Schlacht, dem des Griechen Cassius Dio, in wichtigen Punkten widerspricht: Seine Schilderung eines Marsches durch einen dichten Bergwald widerspiegele lediglich römische Extremvorstellungen über das nasse, kalte Nordland, meint man in Kalkriese.

Wenn man allerdings den alten Cassius Dio „für voll“ hält, so ist es möglich, einen Verlauf zu prognostizieren. Sicherlich ist dies nicht das letzte Wort, sondern lediglich ein Anstoß für eine Diskussion.

Im Winter können die Römer ihre große Armee fern vom Rhein nicht versorgen, sie ziehen die Legionen daher alljährlich, bereits im September, an den großen Strom zurück –auch um die gefürchteten germanischen Herbststürme zu entgehen. Mitte September des Jahres 762 der Stadt Rom (9 n.Chr.) – die Vorbereitungen zum Abmarsch sind in vollem Gange –, meldet der vertraute Arminius dem Varus einen Aufstand in der Norddeutschen Tiefebene (vielleicht sind es die Chasuarier in den Dammer Bergen) und überredet ihn, den bevorstehenden Überwinterungsrückzug der gesamten Armee umzuleiten, um diese Erhebung niederzuschlagen. Beschlossen und verkündet: Die im Weserbergland verstreut stationierten Legionen XVII, XVIII und XIX (möglicherweise bereits im Marsch) ziehen nicht direkt an Rhein und Ruhr zurück, sondern versammeln sich irgendwo zwischen Wiehengebirge und Osning (d.h., dem heute sog. „Teutoburger Wald“), möglicherweise bei Bad Salzuflen, der letzte Punkt im Weserbergland wo ihre Schiffe von der Weser aus noch hinkönnen. Dort feiern sie Abschied von der Stammesführung der als besondere Freunde gesehenen Cheruskern.

Beim Fest verrät der Adlige Segest den Römern die Verschwörung des Arminius, aber man glaubt es ihm nicht, schließlich ist der, den er anklagt, römischer Ritter und hoch angesehen. Man weiß, die beiden Sippen sind verfeindet, wobei allerdings die Familie des Arminius seit Jahren als romfreundlich gilt. Außerdem hat der junge Mann wahrscheinlich bereits Segests Tochter Thusnelda „geraubt“ – mit ihrer, doch nicht ihres Vaters, Zustimmung –, worüber die Römer nur schmunzeln: Was erzählt der Alte jetzt alles, nur um sich zu rächen!

Die Römer ziehen gen Nordwesten, nicht ahnend, dass um sie herum die kleinen verstreuten Überwinterungsgarnisonen, die sie zurücklassen, gerade überrannt werden. Sie übernachten friedlich, wohl irgendwo in der Nähe von Melle, in einem Lager, das Tacitus später als normal-weiträumiges Marschlager für 3 Legionen beschreiben wird. Arminius und die anderen Cherusker sind bereits fort, „um Verstärkung zu holen“ – das mindestens ist keine Lüge. Zur Tagnachtgleiche – es ist dazu noch Vollmond, nach germanischen Vorstellungen eine besonders günstige Zeit für so was – bringen sich die germanischen Krieger im Waldgebiet zwischen Melle und Ostercappeln, am Ostrand des Osnabrücker Landes, in Stellung. Am zweiten Tag rückt die riesige Armee direkt in diese Falle hinein, hat Mühe mit den unwegsamen Verhältnissen und dem aufkommenden Regen und dehnt sich immer mehr aus, zum Schluß wird sie sich, unübersichtlich und höchst verwundbar, über 15 km ausgestreckt haben. Als ihre Vorhut bereits nahe Ostercappeln steht – also kurz vor dem Wiehengebirge, das den dichten Wald nördlich begrenzt – sieht sich die Marschkolonne plötzlich auf ganzer Länge einem Hagel aus Pfeilen und Wurfspießen ausgesetzt. Eine wirksame Verteidigung ist unmöglich, als das peinlich deutlich wird, rücken die Germanen näher und machen isolierte Kleingruppen nieder, bei jedem Einzelgefecht sind sie dabei in der deutlichen Überzahl.
Das Heer ist schwer angeschlagen, aber längst noch nicht vernichtet. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass die Germanen zu diesem Zeitpunkt mehr als halb so viele Krieger im Einsatz haben, wie ihr Feind, so können sich zahlreiche römische Verbände in Gruppen zusammenschließen, die zumindest mehr oder weniger unversehrt durchkommen. Alle befolgen den zuletzt erhaltenen Befehl: Vorwärts marschieren. Das erwartet auch die Heerführung, südlich Ostercappeln, wo sie z.Z. d. Angriffs steht, wird ein Lager aufgeschlagen, dort versammeln sich nach und nach die, die aus dem grünen Inferno entkommen können – sicherlich immer noch die Mehrheit der Armee. Der gesamte Tross ist verloren – mit Frauen und Kindern, aber auch wichtigem Ausrüstungs- und Versorgungsmaterial, doch selbst die Wagen und das sonstiges Gerät, das von den einzelnen Legionen (also nicht im großen Tross) mitgeführt wurde und jetzt gerettet werden konnte, ist zu viel, um weiter mitzuschleppen, denn man weiß: Nur abgespeckt kommt man hier noch raus. Also wird das meiste verbrannt, einschließlich wohl der schweren Artillerie. Derweil dürfen sich die Soldaten von ihren Kameraden verabschieden, deren Köpfe jenseits des Lagerwalls aufgespießt stehen. Ihre stumme Botschaft: „Morgen du!“

Die Römer müssen sich jetzt entscheiden: Zurück nach Süden wollen sie eigentlich, aber der Weg führt durch den Todeswald. Nach Norden kämen sie zwar in offenes Gelände, entfernten sich aber dadurch noch weiter von ihren Stützpunkten an der Lippe. Stehenbleiben und auf Hilfe warten wäre auch eine Option – doch soll die eine verbliebene Legion am Niederrhein (wenn überhaupt  eine da ist, vielleicht sind sogar beide in Mainz!) 3 hilflos eingeschlossene retten? Eine Schande für den Feldherrn!

Die Germanen umschließen derweil das Lager, aber auch sie müssen sich Gedanken um den nächsten Tag machen. Arminius sitzt vielleicht auf der Schnippenburg, einer alten keltischen, später germanischen Burg auf dem nächsten Berg der Wiehengebirge westlich von Ostercappeln – ist das die „Teutoburg“, nach dem der Wald benannt wird? Wahrscheinlich hat er seine Hauptstreitmacht im unmittelbar umliegenden Wald gelagert, denn das wäre der beste Punkt, um sie je nach Bedarf entweder nach Süden oder nach Norden hinzubefehlen. Am Fuß des Berges liegt ein Durchgang durch das Gebirge, da, wo heute die Bahnlinie Osnabrück-Bremen durchführt. Für den Fall das die Römer hier durchbrechen wollen, hat er Verbände auf beiden Bergflanken postiert. Durchkommen sollen sie – aber teuer dafür bezahlen.

Die Römer haben sich in der Nord-oder-Süd-Frage für ein „sowohl-als-auch“ entschieden: Am Morgen des dritten Tages stoßen sie also tatsächlich nordwärts durch diese „Krebsburger Senke,“ nach schwerem Kampf sind sie im offenen Gelände, das heute zwischen Wiehengebirge und Mittellandkanal liegt. Sie marschieren jetzt kompakt und schnell – vielleicht ist die Kolonne nur noch einen Kilometer lang –, noch nicht aber auf dem Hangsandweg, der über Venne nach Kalkriese führt, sondern direkt am Fuß der Berge entlang. Sie wollen nämlich versuchen, wieder in den Wald südlich des Kalkrieser Berges hineinzumarschieren, um die rettenden Stützpunkten im Süden zu erreichen – an einem Bachlauf entlang, der heute „Venner Mühlenbach“ heißt, von wo aus an 2 Stellen Passstrassen hinüber nach Osnabrück führen. Ihr Kalkül: Die Germanen stehen im Wald hinter ihnen, bei schnellem Vormarsch können sie diese „abhängen“ und in freundliches Gebiet im Münsterland vorstoßen.

Arminius hat das aber vorausgesehen und seine Leute, also klar wurde, dass die Römer den Ausbruch nach Norden versuchen wollten, sofort den Berghang hinunter an den Bach geschickt, wo sie jetzt in Verteidigungsstellungen im Wald auf die Römer warten. Das Tal verengt sich zunehmend, je weiter man vorstößt, die Germanen schießen aus dem Wald heraus und können irgendwann auch die durch das schwierige Gelände sich auflösende Kampfformation der Römer angreifen. Schließlich ziehen sich die Römer in die Ebene zurück, sie haben wieder schreckliche Verluste erlitten, ohne dem Feind viel anhaben zu können. Sie sind erschöpft, leiden unter den ständigen Regen, der nicht nur sie selbst sondern auch nichtmetallene Waffen, wie Bogensehnen oder Schilde, durchnässt, viele sind auch verwundet. Ihnen bleibt jetzt nur noch übrig, den Kalkrieser Berg nördlich zu umgehen. Die Lage ist inzwischen so ernst, dass sie sich nicht einmal die Nachtruhe gönnen, sondern nur eine Pause, um die Toten zu verscharren und um alles, was Lärm macht, wie Waffen, Panzer oder die Glocken der Maultiere, mit Stoff oder Stroh zu dämpfen, damit ihr Weiterzug vielleicht unbemerkt bleibt. Es ist ein hilfloser Verzweifelungsversuch, denn sie ziehen jetzt genau dorthin, wo Arminius sie haben will.

Er hat das nämlich alles schon vorausgeplant; dass sie jetzt diesen Weg gehen müssen, ist Teil seines Plans. Zwischen Wiehengebirge bzw. Kalkrieser Berg und den Sumpfen und Moore der Norddeutschen Tiefebene verläuft der so genannte „Hangsandrücken“ von etwa einem Kilometer Breite, der aber auch weitgehend durch die Staunässe des Bodens gezeichnet ist. Nur in der Mitte ist ein verhältnismäßig lichter, trockener Streifen von etwa 100 m Breite vorhanden, dies ist der Haupthandelsweg der Gegend, die bäuerlich besiedelt ist. Der Kalkrieser Berg nördlich des Wiehengebirges verursacht eine Verengung des Hangsandrückens, so, dass der Wald bis an den Rand des trockenen Streifens heranrückt. In diesem Bereich fließen außerdem 2 Bäche vom Berg herunter und vereinen sich in einer Senke, weswegen der Weg einen breiten Bogen nach Norden macht. Da wo dieser Bogen nach Süden biegt und an den Waldrand kommt, hat Arminius einen 500-m-langen Erdwall errichten lassen, der den Marschweg am Fuß des Berges seitlich begrenzt. Am Westende des Walls verläuft ein weiterer Bach, oberhalb dessen haben die Germanen auch noch eine Befestigung errichtet, um den Weg nach Westen abzuschneiden. Am Ostende ist außerdem eine starke Befestigung, um den Römern an diesem Bachlauf den Weg um das Wallende herum zu blockieren. In diesem Bereich verläuft die Befestigung durch den Wald, nur im höher gelegenen westlichen Bereich ist es trockener, aber auch hier haben die Germanen Gräben ausgehoben, damit das Wasser vom Berg nicht ihren Wall untergräbt, sondern den Römern den Weg vermatscht. Zudem ist der Wall nicht gerade, wie es die römischen Vorschriften es vorgesehen hätten, sondern geschwungen: Greifen die Römer den Wall im hinteren Bereich eines solchen Schwungs an, so laufen sie Gefahr, von drei Seiten unter Beschuß genommen zu werden. Eigentlich gibt es nur einen guten Angriffspunkt, am vorderen Bereich des einzigen Schwungs, der auf lichtem Felde liegt.

Die Römer sind erneut in einer Falle: Links der Wall, rechts der Sumpf, vorne die Befestigung, hinten die tausende Krieger, die sie die ganze Nacht lang gefolgt haben. Sie sind erschöpft, viele sind verwundet, Kälte und Hunger nagen an ihre Kräfte und ihren Mut, nur Durst nicht, denn es regnet ständig in Strömen, wodurch sie nicht nur frieren, auch ihre empfindlichen Waffenteile sind inzwischen völlig unbrauchbar geworden, einschließlich – horibile dictu! – ihre aus eine Art Sperrholz und Leder gefertigten Schilde. Normalerweise würden sie diesen läppischen Erdwall mit ihrer bekannten „Schildkrötentaktik“ – eine Truppe formt die Schilde über den Kopf zu einer Fläche, auf der die Kameraden dann den Wall erstürmen – problemlos überrennen, dazu braucht man aber Schilde, die die Last tragen können und kaum einer hat noch eins

Also schieben sie die die wenigen Wagen, die sie noch mitführen, als Angriffsbühne an den Wall, der, als er letztlich einstürzt, 2 Maultiere verschüttet, einen sogar jenseits der Wallkrone. Weiter als dieses Tier kommt aber wohl sonst kaum ein Römer – zumindest hinterlassen sie hier keine Spuren –, denn sie greifen ohne Schilde eine gut verteidigte Befestigung an, während ihre Pioniere verzweifelt versuchen, die Soden mit ihren Spitzhaken weg zu hauen.. Der Wall wird schwer angeschlagen und stürzt auch ein, doch er hält lang genug, dass kein Durchbruch erfolgt. Denn inzwischen sind die römischen Verluste so hoch, die Zugänge der Germanen – die, die die Kastelle ausgeräumt haben, rücken an – so zahlreich, das Letztere in deutlicher Überzahl sind. Irgendwann brauchen sie den Schutz des Walls gar nicht mehr: Gut gerüstet, satt verpflegt, mit warmem, trockenem Gewand am Leibe und vor allem in Siegesstimmung stürmen sie von allen Seiten aufs Feld.

Bei den Römern sind die meisten, auch Varus selbst schon verwundet, der einzige verbliebene Legat, Numonius, setzt sich an die Spitze der Reiterei und macht sich mit dem Schatz des Heeres aus dem Staub, wohl in dem er zurück Richtung Nordosten reitet, wo es eine Verbindung zu einem parallel verlaufenden trockenen Streifen (den von Archäologen sog. „Flugsandrücken“, heute die Alte Heerstraße) gibt. Er kommt aber nicht weit, die Reiter werden noch in Sichtweite des Feldes eingeholt und niedergemacht. Varus und andere Führer begehen jetzt Selbstmord, der Lagerkommandant Eggius, der den Angriff auf den Wall geführt hat, ist ebenso gefallen, wie seine Männer. Ein zweiter Lagerkommandant, der Ceionus, bewirkt jetzt die Kapitulation des sich auflösenden Heeres, dessen Soldaten nur noch versuchen, irgendwie in den Wald hinein zu fliehen. Wer das schafft und auch noch wieder herauskommt – eine kleine Handvoll – erreicht vielleicht den Rhein und kann von der Katastrophe erzählen. Die Gefangenen Soldaten wandern wohl in die Sklaverei; einige werden 30 Jahre später in Hessen befreit, andere enden vielleicht in den Bleibergwerken des Sauerlandes, die von den Germanen weiterbetrieben werden. Einige Offiziere werden irgendwann von der Familie freigekauft, andere, wohl die, die sich bei den nun befreiten Untertanen besonders verhasst gemacht hatten, erleben eine phantasiereiche Hinrichtung, mit anschließendem Annageln des Kopfes an einen Baumstamm.

Dem Kopf des Varus bleibt das erspart: Der wird eingepackt und als Geschenk an den mächtigsten aller Germanen geschickt, an Marbod, den König der Markomannen, die in Böhmen hausen. Es ist eine Aufforderung, ein gesamtgermanisches Bündnis gegen Rom zu bilden, doch Marbod kneift und schickt das Stück lieber dem Augustus zur Bestattung. Der alte Kaiser ist inzwischen in tiefste Depression versunken, er wird sich auch nie richtig erholen. Wahrscheinlich übernimmt sein Stiefsohn und Nachfolger Tiberius schon jetzt im Wesentlichen die Amtsgeschäfte – und bereitet den Gegenschlag vor. Auch die Germanen rüsten sich unter Arminius’ Führung für einen langen Krieg, schon im nächsten Dorf (Venne) entsteht eine Schmiede, wo das viele eingesammelte Eisen weiterverarbeitet wird. Jeder, der aus dieser Schmiede eine Waffe bekommt, erhält ihn von Arminius, der nun eine Gefolgschaft befehligt, so riesig und mächtig wie noch kein germanischer Fürst zuvor. In Germanien gibt es nun zwei große Gestalten: Arminius führt eine Koalition freier Stämme gegen Rom. Marbod, König eines großen Reiches, bleibt neutral.

Die Schlacht um das Schlachtfeld-TAZ-Artikel von Phil Hill